Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte
Weihnachten der Tiere Draußen ist es dunkel. Quer über das... mehr

Weihnachten der Tiere


Draußen ist es dunkel. Quer über das Bauernhofgelände ist eine Lichterkette gespannt, in deren Licht ich manchmal ein paar einzelne Schneeflöckchen tanzen sehen kann. Alles ist still. Nur ich stehe in dem kleinen Stall mit 13 anderen Kühen, dicht nebeneinander. Jede von uns ist durch Eisenstäbe abgetrennt von der anderen. Am Hals tragen wir einen Strick, mit dem wir festgebunden sind. Ich muss an früher denken. Da bin ich oft mit Henriette über die Wiese um die Wette gelaufen, haben uns an Heuhaufen gerieben und vor allem auch aneinander. "Kannst du dich noch an die Wiese erinnern?" frage ich sie. "Ach Alma", sagt sie, -Alma, das bin ich-


"Ach Alma, das ist so lange her." Henriette dreht den Kopf zu mir und ich sehe, dass sie nun sehr traurig ist. Hätte ich doch bloß nicht gefragt. Manchmal ist es traurig, sich an etwas Schönes zu erinnern, das man für immer verloren hat. Henriette und ich, wir sind die ältesten Kühe im Stall. Wir sind Freundinnen, aber miteinander kuscheln können wir nicht mehr, weil die Stäbe zwischen uns sind. Zum Glück stehen wir nebeneinander und wenn wir uns hinlegen, dann berührt sich manchmal unser Fell. Dann reiben wir uns so lange es geht vorsichtig aneinander. So schön ist das! Viel bewegen können wir uns nicht, weil unsere
Plätze so eng sind. Früher haben wir vom Frühling bis zum Herbst draußen auf der Wiese gelebt. "Was ist eine Wiese?", hat Toni mal gefragt, als wir darüber sprachen. Toni ist eine der jüngeren Kühe und ist noch nie auf einer Wiese gewesen, hat noch nie Bocksprünge machen können und die Nase in den Wind strecken. Denn der Bauer hat aufgehört, uns nach draußen auf die Wiese zu führen, seit die Straße zwischen seinem Hof und der Wiese gebaut worden ist. Es ist langweilig hier im Kuhstall. Das einzig Schöne ist, wenn der Bauer kommt und uns Futter in die Rinne wirft. Ach ja, und manchmal kommt das kleine Mädchen, Mia heißt es, und streichelt welche von uns. Henriette und ich strecken dann immer ganz weit unseren Kopf nach vorne durch die Stäbe, damit Mia uns sieht und streichelt. Henriette macht dabei dann immer so schöne warme Töne, als würde sie singen. Einmal habe ich gesagt, dass es sich anhört, als würde Henriette schnurren. Aber da hat sich die Katze vielleicht aufgeregt! Sie meint nämlich, sie wäre die einzige, die schnurren kann. Seitdem sage ich nur noch, dass Henriette singt. Die Katze heißt Micky und sie ist ein bisschen eingebildet. Sie denkt auch, sie wäre die Schönste. Aber wir freuen uns trotzdem, wenn sie zu uns kommt und sich ins Stroh kuschelt. Dann erzählt sie von der Welt draußen und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich die Welt draußen wieder vor mir und es ist fast so schön wie früher. Die Gänse kommen auch hin und wieder zu uns. Sie schnattern immer so laut durcheinander, dass man kaum ein Wort versteht. Träumen kann man dabei nicht, aber lustig ist es trotzdem, weil uns dann nicht langweilig ist. Und dann gibt es natürlich noch Bello, den Hund. Der muss immer aufpassen, dass niemand Fremdes auf den Hof kommt. Normalerweise verstehen er und Micky sich nicht besonders gut, aber jetzt kommen sie gerade fröhlich zu uns hereingestürmt. "Fröhliche Weihnachten!", rufen sie im Chor. "Wer ist Weihnachten?", fragen Tinchen und Frieda. Die beiden sind unsere jüngsten Kühe. Sie sind noch kein Jahr alt und deshalb wissen sie nicht, was Weihnachten ist. Aber Micky und Bello antworten ihnen gar nicht. "Wir haben es gerade gesehen! Der Tannenbaum ist aufgestellt worden und sie schmücken ihn!", erzählt Micky aufgeregt und Bello ruft: "Am Abend werden die Kerzen angezündet! Dann singen alle Lieder und bekommen Geschenke! Und ich auch!" "Aber ich bekomme ein schöneres Geschenk als du!", faucht Micky ihn an. Die beiden streiten sich oft. Henriette und ich finden das immer lustig! Aber heute ist Bello anscheinend gar nicht nach Streiten zumute. "Jetzt streite nicht wieder, Micky!", sagt er. "Heute ist Weihnachten, das Fest der Liebe! Da wird nicht gestritten! Frieden auf Erden. Für alle! Wuff!" "Frieden auf Erden, das klingt schön", denke ich. Und Henriette flüstert mir zu: "Für alle. Und dabei sieht sie wieder ganz glücklich aus. Einige der Kühe beschweren sich, dass sie keine Geschenke bekommen und die Gänse schnattern sofort alle durcheinander, dass das ungerecht sei und sie wollten auch Geschenke bekommen. Alle muhen, schnattern, bellen und miauen, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Aber dann beschließen Micky und Bello doch tatsächlich, dass es nur gerecht sei, wenn wir alle Weihnachten im Haus mitfeiern dürften. "Alma!", Henriette stupst mich mit ihrer Schnauze an. "Weihnachten feiern bei Kerzenschein und alle singen! Friede auf Erden. Klingt das nicht wundervoll?" Henriettes Augen glänzen "Wir können hier nicht weg! Wir sind angebunden!", sagt Flecki und Henriettes Augen werden sofort wieder traurig. Aber da kommt eine von den Gänsen auf eine großartige Idee: "Wir beißen die Stricke durch!", schnattert sie und sofort schnattern auch alle anderen wieder durcheinander. Während die ersten Gänse beginnen, die Stricke durchzubeißen, läuft Bello gucken, ob die Bäuerin schon die Kerzen angezündet hat. "Nicht, dass wir noch alle zu spät kommen!", denke ich. Das wäre doch zu schade! Die Gänse haben gerade die ersten Stricke geschafft durchzureißen, da kommt Bello aufgeregt zurück. "Ihr Gänse könnt nicht mit ins Haus!", bellt er und schnappt vor Aufregung nach Luft. "Warum das denn jetzt nicht!", faucht Micky ihn an und ich denke: " Frieden auf Erden, Micky!",aber ich sage nichts. "Sie haben über den Weihnachtsbraten gesprochen!" Bello kann vor Aufregung kaum noch klar sprechen. "Es gibt Gänsebraten! Das ist ihr Weihnachtsessen!" Einen Augenblick ist es plötzlich mucksmäuschenstill im Stall. "Was soll das heißen?", fragt schließlich eine der Gänse. Alle Augen sind auf Bello gerichtet. "Ihr werdet geschlachtet!", sagt er schließlich. "Wenigstens eine von euch!" "Das kann nicht sein! Die Bäuerin hat uns doch immer gefüttert!", sagt Petunia, die Älteste der Gänse. Ich kenne ihren Namen, weil die Bäuerin in diesem Sommer beim Füttern immer "Petunia ... put put put" gerufen hat, als würde sie nur sie füttern. "Die Bäuerin hat die Gänse gefüttert, damit sie fett werden! Damit sie gut schmecken!", stellt Micky empört fest. "Die essen die Gänse auf, die sie das ganze Jahr gefüttert haben!" Noch nie habe ich die schlaue Flecki so fassungslos gesehen wie jetzt.
"Die füttern uns Tiere nur, damit wir fett werden und sie uns essen können?", fragt die kleine Toni und sieht so ängstlich aus, dass ich wieder einmal schrecklich bedauere, nicht zu ihr gehen zu können, um sie zu trösten. "Mich nicht! Mich füttern sie, weil sie mich lieben! Weil ich ihre Schmusekatze bin. Miau!" Micky sagt das so fröhlich, als wäre es ein Grund zu feiern. "Und ich bin der beste Freund des Menschen! Mich lieben sie noch mehr als die Katze!", sagt Bello und guckt Micky böse an. Das gibt es doch nicht! Hier geht es um Leben und Tod und die beiden streiten schon wieder? Ich denke, es ist Weihnachten! "Friede auf Erden!", will ich gerade sagen, da fragt Henriette leise: "Und was ist mit unseren Kälbchen?" Einen Augenblick ist es ganz still. Die meisten von uns hatten schon öfter Kälbchen geboren und immer hat sie der Bauer nach der Geburt mitgenommen und wir haben sie nie wiedergesehen.
Das ist schrecklich. Wir schreien die ganze Nacht und den ganzen Tag nach unseren Kälbchen, bis wir irgendwann erschöpft einschlafen. Am Anfang hört man die Kälbchen auch schreien, aber irgendwann ist dann alles wieder still. "Haben sie unsere Kälbchen aufgegessen?", fragt Ina schließlich. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich hören will und gucke zu Henriette. Könnten wir uns doch jetzt nur aneinander kuscheln! Henriette schaut mich auch an. Ihre Augen sind so traurig, wie ich sie noch nie gesehen habe. Noch nicht einmal, als ihr letztes Kälbchen verschwand. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich hingucken soll. Aber da beginnt Micky zu antworten: "Ich habe mal gehört, wie der Stallbursche zu einem Kälbchen gesagt: Genieß den letzten Tag! Morgen geht`s ins Schlachthaus. Und am nächsten Tag hat der Bauer es weggebracht." Neben mir geht Henriette in die Knie. Da liegt sie. Aber sie schaut keinen mehr an. In meinem Kopf ist ein Wattebausch. "Wir reden und reden und gleich kommt die Bäuerin mit dem Schlachtermesser!" Bello unterbricht die Stille. "Aber heute ist doch Weihnachten!", denke ich. "Das Fest der Liebe! Frieden auf Erden!" Aber nicht für alle. Ich möchte weinen. Aber ich kann nicht.
"Dann hauen wir ab!", kreischt Petunia. Und sofort wird es laut im Stall! Alle Gänse schnattern durcheinander. "Wir hauen ab! Wir hauen ab!" Aber wohin wollen sie denn? "Etwas Besseres als den Tod findest du überall!", schreien sie und ich spüre: Sie haben Recht. "Ich komme mit!", sagt Ina. "Ich will nicht noch ein Kälbchen weggenommen bekommen. Das nächste ist schon in meinem Bauch. Ich fühle, wie es sich bewegt!" "Aber wo willst du denn hin?", frage ich sie. "Egal!", sagt sie. Etwas Besseres als den Tod findest du überall!" Und ich spüre: Sie hat Recht. "Aber die meisten Stricke sind noch nicht lose!" Verzweifelt zerrt Fiby an ihrem Strick. "Ich helfe euch!", ruft Bello und zerrt und beißt mit all seiner Kraft an den Stricken. Nun helfen auch die Gänse und es ist ein ohrenbetäubender Lärm im Stall. Ich denke noch: "Hoffentlich hört uns keiner!", da kommt Micky angerannt, die vor dem Bauernhaus Ausschau nach der Bäuerin gehalten hat. "Die Bäuerin kommt! Mit dem Schlachtermesser!" Sind denn alle Stricke kaputtgebissen? Ja! Alle Kühe laufen los, die Gänse schnattern aufgeregt davon. "Henriette?" Sie liegt immer noch da. "Henriette, bitte, steh auf und komm! Ohne dich geh ich nicht! Du bist doch meine Freundin!" Sie rührt sich nicht. "Willst du wirklich, dass dein nächstes Kälbchen im Schlachthaus endet?" Da hebt Henriette ihren Kopf. Kaum sichtbar schüttelt sie ihn. Und steht langsam auf. Nein, sie will nicht, dass ihr nächstes Kälbchen ins Schlachthaus kommt! "Wartet!", ruft Bello den fliehenden Tieren hinterher. "Ich komme mit euch! Ich bin der beste Freund des Menschen. Ich kann euch bestimmt noch hilfreich sein!" Henriette und ich laufen auch los. "Micky?", rufe ich der Katze zu. "Willst du nicht mit abhauen?" "Abhauen? Wovor?", fragt sie. "Mir geht es doch gut hier! Ich feiere jetzt Weihnachten mit den Menschen! Aber ihr beide, Alma, ihr solltet euch beeilen! Die Bäuerin kommt!" Und das tun wir auch, Henriette und ich, wir rennen, was wir können hinter den anderen her. Etwas Besseres als den Tod findest du überall!
Viel später erst habe ich mich wundern können, dass Micky meinen Namen kannte. Das hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Und noch viel später hat mir jemand erzählt, wieso uns die Bäuerin nicht eingeholt hat: Micky hat ihr die falsche Richtung gezeigt! Wo wir nun alle sind, verrate ich nicht. Aber wir wünschen allen, Menschen und Tieren: Fröhliche Weihnachten und Frieden auf Erden!


Diese Weihnachtsgeschichte von Claudia Kumpfe gibt es auch in dramatisierter Form als kleines Theaterstück für Kinder bei http://www.theaterstuecke-online.de

Bewertungen lesen, schreiben und diskutieren... mehr
Kundenbewertungen für "Die etwas andere Weihnachtsgeschichte"
Bewertung schreiben
Bewertungen werden nach Überprüfung freigeschaltet.
Bitte gib die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein.

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Rosengarten BIO Weihnachtsmann mit Reismilch Rosengarten BIO Weihnachtsmann mit Reismilch
3,49 € *
Inhalt 90 Gramm (3,88 € * / 100 Gramm)
 
Rosengarten BIO Weihnachtsmann mit Reismilch
Ab, rein damit
3,49 € *
Inhalt 90 Gramm (3,88 € * / 100 Gramm)
 
 
Rosengarten BIO Weihnachtsmann Lolly Rosengarten BIO Weihnachtsmann Lolly
0,79 € *
Inhalt 15 Gramm (5,27 € * / 100 Gramm)
 
Rosengarten BIO Weihnachtsmann Lolly
Eintüten
0,79 € *
Inhalt 15 Gramm (5,27 € * / 100 Gramm)
 
 
Schließen

Melde dich jetzt für den Newsletter an

und verpasse keine Neuigkeit mehr!

Wir stellen Dir regelmäßig die neuesten Produkte aus der veganen Welt vor und informieren Dich über unsere Rabattaktionen.
Zusätzlich erhältst Du bei der Registrierung einen 5€ Gutschein für unseren Onlineshop und sparst so bei Deinem nächsten Einkauf!

* Der Gutschein ist nicht kombinierbar mit einer anderen Rabatt-Aktion und gilt nicht für Abo-, Geschenkboxen oder Versandkosten. Der Weiterverkauf und Umtausch der Aktions-Gutscheine ist nicht zulässig und nicht gültig. Die Veröffentlichung des Codes auf jeglichen Gutscheinseiten oder Portalen ist nicht erlaubt. Eine Barauszahlung des Rabatt-Codes ist ausgeschlossen. Pro Kunde kann der Gutschein einmal bis zum 01.01.2019 eingelöst werden und gilt für einen Mindestbestellwert von 20€.